Bericht des Monats

07/12/2011 Dezember 2011: Die europäische Dimension des Sports

Am Montag, dem 12. Dezember wird zur Plenartagung im Europäischen Parlament in Straßburg der Bericht des EU-Abgeordneten Santiago Fisas Ayxela (Spanien, EVP) über die europäische Dimension des Sports zur Diskussion gestellt. Seit Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon fällt der Sport in den Zuständigkeitsbereich der Europäischen Union (siehe Art. 165 VAE). Die von der Europäischen Union zu entwickelnde Sportpolitik soll daher dem Bericht zufolge „die Ziele des Breiten- und Leistungssports gleichermaßen berücksichtig[en] und [fördern]“. Von der engen Verbindung von Sport und Erziehung über die Sicherheit beim Training bis zu internationalen Transfers von Sportlern werden zahlreiche Aspekte des Sports in diesem Bericht beleuchtet. Wir stellen wesentliche Punkte vor.

Zunächst fordert der Bericht angesichts der positiven gesundheitlichen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Sports, dass die Europäische Kommission im mehrjährigen Haushaltsrahmen eigene Haushaltsmittel für die Sportpolitik vorsieht. Die gesellschaftliche Dimension des Sports berührt zahlreiche Bereiche: Bildung, Gesundheit, Bekämpfung von Diskriminierung, Sicherheit in Sportanlagen und Stadien usw.

Die EU-Abgeordneten rufen die Europäische Kommission dazu auf, einen „Europäischen Tag des Sports“ ins Leben zu rufen, um die positive soziale und kulturelle Rolle des Sports bekanntzumachen, und jedes Jahr die Benennung einer Europäischen Sporthauptstadt zu unterstützen.

Die gesellschaftliche Dimension des Sports

Artikel 165 des Vertrags zur Arbeitsweise der EU (VAE) spricht der Europäischen Union Zuständigkeiten im Bereich des Sports zu, mit Art. 6 VAE genauer gesagt:

zur  „Durchführung von Maßnahmen zur Unterstützung, Koordinierung oder Ergänzung der Maßnahmen der Mitgliedstaaten“.

Neben dem Sport hat die EU eine solche unterstützende Kompetenz in folgenden Bereichen:

  • Schutz und Verbesserung der menschlichen Gesundheit,
  • Industrie,
  • Kultur,
  • Tourismus,
  • allgemeine und berufliche Bildung,
  • Jugend und Sport,
  • Katastrophenschutz,
  • Verwaltungszusammen-arbeit

Was Sport und Bildung betrifft, so fordert der Bericht die Mitgliedstaaten dazu auf, klare Leitlinien zu verabschieden, damit der Sport in alle Ebenen des Bildungswesens integriert wird, genauer: damit Sport als Schulfach in die Lehrpläne aller Schulformen aufgenommen wird. Auch die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Sportvereinen soll in den Mitgliedstaaten stärker gefördert werden. Der soziale Aspekt der Erziehung durch Sport wird angesprochen in seinem Potenzial „sozial gefährdete Jugendliche wieder auf die richtige Bahn zu bringen“.

Soziale Eingliederung durch Sport ist ein anders zentrales Thema des Berichts. Der Bericht empfiehlt den Mitgliedstaaten, die Hilfsgelder für Organisationen aufzustocken, die sich über Sport für die Integration von Personen einsetzen, bei denen die Gefahr der sozialen Ausgrenzung besteht. Ein weiterer Vorschlag ist die Schaffung eines Mobilitätsprogramms für junge Sportler und Trainer mit dem Ziel, bewährte Praktiken auszutauschen und zu festigen und sowohl die der EU als auch dem Sport zugrundeliegenden Werte (Fair Play, Respekt des Anderen, interkultureller Dialog usw.) zu fördern.

Auch die Bekämpfung von Diskriminierung durch Sport wird im Bericht thematisiert. So werden die Sportvereine und -organisationen zur Durchführung von Sensibilisierungskampagnen aufgerufen, um Berufssportler und ehrenamtlich Tätige für die Vorbeugung und Bekämpfung jeglicher Form von Diskriminierung zu schulen. Weiterhin wird noch einmal klar darauf hingewiesen, dass es auch im Sport keine Geschlechterdiskriminierung geben darf: Rat, Kommission, Mitgliedstaaten und Sportgremien werden aufgefordert, Rechtsvorschriften zur Bekämpfung von Diskriminierung, vor allem von Homophobie und Transphobie, umzusetzen.

Neben den Maßnahmen zur Bekämpfung der Diskriminierung befasst sich der Bericht ausführlich mit der Gleichstellung von Frauen und Männern im Sport. Dem Bericht zufolge spielt Sport eine wichtige Rolle bei der Emanzipierung der Frauen. Mitgliedstaaten und Sportorganisationen werden aufgerufen, Frauen einen gleichberechtigten Zugang zum Sport zu ermöglichen, vor allem wenn diese aus benachteiligten Verhältnissen stammen, eingewandert sind oder ethnischen Minderheiten angehören. Dass Eltern unter religiösen oder kulturellen Vorwänden ihren Töchtern die Beteiligung am Sport- oder Schwimmunterricht verbieten, wird im Bericht als nicht vertretbar angesehen.

Neben der gesellschaftlichen Rolle des Sports unterstreicht der Bericht die positiven Auswirkungen sportlicher Betätigung auf die Gesundheit. Gleichzeitig wird das Phänomen Doping scharf verurteilt. Die Europaabgeordneten sind der Meinung, dass ein Beitritt der EU zum Anti-Doping-Übereinkommen des Europarates eine gleichmäßigere Umsetzung des Welt-Anti-Doping-Codes in den Mitgliedstaaten zur Folge hätte.

Ein anderes negatives Phänomen, das im Bericht zur Sprache kommt, ist die Sicherheit in den Stadien. Der Standpunkt der EU-Abgeordneten ist klar: gewalttätigen oder sich diskriminierend verhaltenden Fans soll der Zugang zum Stadion untersagt werden. Von den Mitgliedstaaten wird verlangt, dass sie in gemeinsamer Absprache Mindeststandards für die Sicherheit der Stadien ausarbeiten.

Die wirtschaftliche Dimension des Sports

Mit 15 Millionen Beschäftigten ist der Sport ein nicht zu verachtender Wirtschaftssektor in der Europäischen Union. Angesichts der positiven wirtschaftlichen Entwicklung des Sports unterstreichen die EU-Abgeordneten die Notwendigkeit der gegenseitigen Anerkennung der Ausbildung und Qualifizierung der Berufssportler auf der Grundlage eines einheitlichen europäischen Rahmens. Der europäische Binnenmarkt soll zur Entwicklung der europäischen Sportindustrie beitragen. Von der Europäischen Kommission wird in diesem Zusammenhang u. a. verlangt, die Praxis der Sportwetten zu überwachen, die als eine Form der kommerziellen Nutzung von Wettkämpfen betrachtet wird. Wettkämpfe sollen vor möglichen Manipulationen geschützt werden, insbesondere dadurch, dass den Organisatoren Eigentumsrechte an ihren Wettkämpfen zuerkannt werden.

Sport und die EU

Sport ist in der Europäischen Union seit nunmehr vielen Jahren von Interesse. Als Wirtschaftstätigkeit wurde Sport erstmals Mitte der 1970er Jahre vom Europäischen Gerichtshof in seinem Walrave-Urteil (1974) angesehen.

1995 traf der EuGH das berühmte Bosman-Urteil in Hinsicht auf Spielertransfers.

1998 fand der Sport in den Schlussfolgerungen des Europäischen Rates Erwähnung, in der Forderung, die soziale Funktion des Sports aufrecht zu erhalten und Doping zu bekämpfen.

2000 erkannte eine in Nizza verabschiedete Erklärung die Besonderheiten des Sports an.

2007 veröffentlichte die Europäische Kommission ein Weißbuch zum Sport.

Seit 2009 (Vertrag von Lissabon) fällt der Sport in den Zuständigkeitsbereich der EU.

Im Januar 2011 veröffentlichte die Europäische Kommission eine Mitteilung mit dem Titel „Entwicklung der europäischen Dimension des Sports“.
 

Gegenüber dem wirtschaftlichen Aspekt beschäftigt sich der Bericht mit der Frage der ehrenamtlichen Tätigkeit. Die EU-Abgeordneten verlangen die Schaffung eines Rahmens zur gesellschaftlichen Anerkennung der Freiwilligentätigkeit, eine angemessene Schulung der Freiwilligen sowie die Anerkennung der von ihnen erworbenen Zertifikate. Darüber hinaus soll die Kommission die Machbarkeit eines an die Tätigkeiten von Sportvereinen angepassten rechtlichen und steuerlichen Rahmens prüfen.

Die Organisation des Sports

In diesem Teil des Berichts geht es vor allem um Integrität und gute Praktiken in der Welt des Sports. Hier wird u. a. der Beruf des Sportagenten erwähnt, der den EU-Abgeordneten zufolge reglementiert werden muss. Für die Ausübung dieses Berufs soll eine offizielle, an einer europäischen Hochschule erworbene Mindestqualifikation erforderlich sein. Außerdem sollen Sportagenten ihren steuerlichen Sitz im Hoheitsgebiet der EU haben. Die Schaffung eines nicht öffentlichen europäischen Registers von Spieleragenten soll dem Berichterstatter zufolge Interessenkonflikte, vor allem bei minderjährigen Sportlern verhindern.

Vor dem Hintergrund schwerwiegender Vergehen im Sport (Geldwäsche, undurchsichtige Spielertransfers, manipulierte Spiele usw.) fordern die EU-Abgeordneten die Sportverbände auf, zum Schutz der Integrität des Sports eng mit den Mitgliedstaaten zusammenzuarbeiten. Jede Form von Angriff auf die Integrität sportlicher Aktivitäten soll von den Mitgliedstaaten als Gesetzesverstoß geahndet werden. Eine Zusammenarbeit mit Europol und Eurojust wird ebenfalls in Betracht gezogen.

Zusammenarbeit mit Drittländern und internationalen Organisationen

Zu guter Letzt kommt der Bericht auf die Zusammenarbeit der EU mit Drittländern und internationalen Organisationen zu sprechen, insbesondere in Verbindung mit dem Thema Spielertransfers. Die EU-Abgeordneten warten auf die Ergebnisse des 2010 ins Leben gerufenen Systems zur Regulierung von Spielertransfers, anhand dessen Transparenz und finanzielles Fair Play bei internationalen Spielertransfers beurteilt sowie Korruption und Menschenhandel bekämpft werden sollen. Die Abgeordneten verlangen von den Sportvereinen, dass sie insbesondere bei der Verpflichtung jugendlicher Sportler aus Drittländern bestehende Einwanderungsvorschriften einhalten und ihnen die Möglichkeit der Rückkehr in ihr Heimatland offen lassen, falls ihre Karriere nicht wie geplant verläuft. Eine enge Zusammenarbeit mit den Drittländern, vor allem Entwicklungsländern, ist dabei von wesentlicher Bedeutung.



Mehr zum Thema

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*



CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*

Moderationsregeln